14 THOMAS REHBEIN GALERIE

VORSCHAU

Anya Janssen: Little Sister 1, 2021, Öl auf Leinwand, 120 x 100 cm

Anya Janssen: Is the Real II,  2019, Öl auf Leinwand, 180 x 100 cm

Anya Janssen: Little Sister 2, 2021, Öl auf Leinwand, 120 x 100 cm

AKTUELL

Cloud-Dwellers

Anya Janssen

Vernissage: 21.1.2022, 18 – 21h

Ausstellung: 21.1.20 – 26.2.2022

Di–Fr von 11–13h und 14–18h / Sa von 11–16h

 

THOMAS REHBEIN GALERIE
Aachener Straße 5
50674 Köln


+49-221-310 10 00
art@rehbein-galerie.de
www.rehbein-galerie.de

Am Anfang war das Wort

Cloud-Dwellers

Die Thomas Rehbein Galerie präsentiert die erste Einzelausstellung der niederländischen Künstlerin Anya Janssen. In der Ausstellung sind unter anderem Zeichnungen und Malereien aus den Serien „Cloud-Dwellers“ und „People Say I’m Different“ zu sehen.​​​​​​​

“I’m a storyteller, a collector of souls and perhaps even a stalker. My projects start with a longterm and intimate relationship with my subject. I always work in series, two to five years on one project. [...] I’m really fascinated by human beings: their emotions, thinking, behavior... I want to get under their skin. The people I paint always seem to be in transition or standing at a crossroad. It’s really mysterious, but I’m always led to an encounter ‘meant to be’.”

– Anya Janssen

Anya Janssens Portraits scheinen wie Vermittler aus einer anderen Sphäre. Begleitet von Auren, die aus Farbspektren entstehen, umgibt die Protagonist*innen ein Schleier des Geheimnisses, welches die Malerin entdeckt, jedoch nicht aufdeckt. Die Gemälde und Zeichnungen geben Hinweise auf das, was intellektuell nicht erkennbar, jedoch spürbar ist. Wenn sie malt, verpflichtet sich Janssen ganz ihrem Gegenüber, es wird ein Teil ihrer Selbst. Die Gemälde sind Seelenstudien und Psychogramme, die durch das virtuose Kolorit in stetiger Bewegung und Metamorphose zu sein scheinen. Der raue Realismus der Charaktere gegen und mit der surrealen Sinnlichkeit in ihrer Erscheinung schafft eine Diskrepanz, durch die sich schlussendlich die Geschichte aus den Bildern heraus entwickelt.

„We were born in your world, but you will die in ours”, ist eines der Graffiti-Zitate aus Janssens Sammlung (gefunden auf einer Mauer in Berlin), das die Künstlerin zur Serie „Cloud-Dwellers“ inspirierte. Wie aus den Wolken gefallene Wesen, stehen für Anya Janssen ihre Portraitierten für eine hoffnungsvolle Zukunft – für eine Zuversicht, die gefunden werden kann im vorübergehenden und unsicheren Charakter unserer aller Existenz. Dargestellt in teils dystopischen Szenarien haben sie keine Angst vor zersplitterten Weltbildern und gegensätzlichen Meinungen. Sie posieren kühn und mit bescheidener Tapferkeit, ein unnatürliches Licht fällt auf ihre jungen Körper. Träumerisch und irreal anmutend, stark und zerbrechlich zugleich, tragen sie eine subtile, weiche Art von Kraft in sich, mit der sie es zu vermögen scheinen, die Welt um sich herum zu verändern.

Elisa Mosch, Anya Janssen, 2022

Vernissage: 21.1.2022, 18 – 21h

Ausstellung: 21.1. – 26.2.2022

Di–Fr von 11–13h und 14–18h / Sa von 11–16h

ARCHIV

Ausstellungsansicht

William Anastasi: Bababad, w, 2021, Ölkreide auf Leinwand / Oilstick on canvas, 227 x 188 cm

Ausstellungsansicht

 

 

ARCHIV

Am Anfang war das Wort

William Anastasi

Vernissage: 22.10.2021, 11 – 21h

Ausstellung: 22.10.2021 – 8.1.2022

Di–Fr von 11–13h und 14–18h / Sa von 11–16h

 

THOMAS REHBEIN GALERIE
Aachener Straße 5
50674 Köln


+49-221-310 10 00
art@rehbein-galerie.de
www.rehbein-galerie.de

Am Anfang war das Wort

Am Anfang war das Wort

"bababadalgharaghtakamminarronnkonnbronntonnerronntuonnthuuntrovarrhounawnskawntoohoohoord enenthurnuk". Das gewaltige, 100 Buchstaben lange, sich über mehrere Zeilen auf der ersten Seite von James Joyces Finnegan‘s Wake erstreckende sprachliche Riesengebilde begleitet die erste Erwähnung des Sturzes des Protagonisten Finnegan von seinem Maurergerüst. Das Wort steht metaphorisch für das Geräusch des Sündenfalls, das Dröhnen der Stimme Gottes, die als schmetternder Donnerschlag Adam und Eva aus dem Garten Eden vertreibt. Es handelt sich hierbei nicht um eine rein lautmalerische Erfindung, sondern um ein Kompositum aus den Wörtern (oder Wortteilen), mit denen "Donner" in zehn verschiedenen Sprachen bezeichnet wird, von Madagassisch bis Gotisch. Die unter Joyce-Forschern als "Donnerwort" bekannte Wortschöpfung, die im Laufe des experimentellen Romans zehnmal auftaucht, zeigt Joyce` höchst eigenwilligen Sprachgebrauch. Die Umsetzung des "Donnerworts" in visuelle Manifestationen steht im Zentrum der nach den ersten sieben Buchstaben benannten Werkgruppe "Bababad" von William Anastasi, die überwiegend großformatige Gemälde, aber auch Zeichnungen und Radierungen umfasst. Darin hat Anastasi, der wie Finnegan in seiner Jugend Maurer war, seit 1986 bis heute immer wieder kleine Ausschnitte des Wortes abgebildet. Nach seiner Einschätzung ergeben sich aus der vollständigen Übertragung der Buchstabenfolge des Wortes schließlich bis zu fünfzig Bilder (bei etwa zwei bis maximal fünf Buchstaben pro Bild). Bei der Übertragung des gedruckten Wortes in das gemalte oder gezeichnete Bild übernimmt der Künstler die exakte typografische Darstellung der ihm vorliegenden Viking-Press-Ausgabe von Joyces sperrigem letzten Roman, den Literaturwissenschaftler zu den rätselhaftesten Werken des 20. Jahrhunderts zählen und den Anastasi selbst für ein "furchterregendes Biest" hält. Jedes von Anastasis "Bababad"-Werken basiert auf der starken Vergrößerung eines einzelnen Buchstabens oder einer Folge von 2 bis 5 Buchstaben, manchmal halbiert. Die Buchstaben heben sich vor einem abstrakten malerischen Hintergrund ab, den Anastasi in der Art seiner "Blind Drawings" mit leuchtend farbigen Ölstiften füllt. Um ästhetische und abbildende Kriterien zu umgehen, zeichnet er oft mit verbundenen oder geschlossenen Augen, ohne frühere Setzungen zu beachten. Auf diese Weise schließt er jede bewusste künstlerische Entscheidung aus und überlässt sich ganz dem Zufall, sowohl bei der Farbwahl als auch bei spontanen Bewegungen des Körpers vor der Leinwand. In diesem All-Over aus gleichsam unmotivierten Strichen und Schraffuren bilden sich die Konturen der mit Graphit gezeichneten Buchstaben mal schwach, mal stark heraus. Meist werden die Umrisslinien dem bereits angelegten malerischen Hintergrund aufgetragen, so dass dieser ihre Konturen sprengt oder aber ausfüllt. Solche Variationen in der Machart führen zu unterschiedlichen Klangfarben und Intensitäten, wobei den malerischen Modulationen der Zeichen oft die flirrende Strahlkraft von Glasfenstern eigen ist. Durch ihre oft monumentalen Ausmaße, die bis zu sechs Meter Länge erreichen, erhalten die Buchstaben eine überlebensgroße Dimension. Während Anastasi das Wort demontiert, wird der Leser von losen Fragmenten in bisweilen überwältigender physischer Unmittelbarkeit umgeben und zur körperlichen Auseinandersetzung mit den geschriebenen Zeichen, mit dem Bild im Raum aufgefordert. Indem Anastasi also die Buchstaben aus dem lektürefreundlichen Format herauslöst und in die Unleserlichkeit überführt, erschwert er das Verständnis des „Donnerwortes“ ferner und verstärkt seine Bedeutungslosigkeit. "Ich mag die Tatsache, dass es ein Wort ist, aber gleichzeitig ist es kein Wort. Es ist ein Wort, aber es ist im Sprachgebrauch nutzlos. Es wurde nur einmal von einem einzigen Autor verwendet." (Anastasi) In den Werken von Anastasi ist der Betrachter/Leser angesichts der Umgehung von Sinnhaftigkeit seinen subjektiven, rein sinnlichen Eindrücken ausgesetzt, die sich bei der Begegnung mit den bildnerischen, aber auch akustischen Eigenschaften des „Donnerwortes“ einstellen. In der Vergangenheit hat Anastasi immer wieder Auszüge aus dem Buch laut vorgelesen, und in diesem Akt stimmlicher Entäußerung erlangte das Wort eine zusätzliche Bedeutung. Weniger im Sinne einer Entschlüsselung erweist sich für Anastasi dabei vor allem die physische Identifikation, eine Art Performance, als ausschlaggebend. Unter Einbeziehung der Augen und des Gehörs erreicht der Vortrag als bebender Ausdruck des göttlichen Zorns eine zusätzliche Dynamik. "Es gibt eine irische Folkloretradition, nach der das Geräusch, das den Sturz eines Mannes in den Tod begleitet, die Stimme Gottes ist. Das ist ein Klangobjekt, und ich vermute, dass es eine Verbindung zu meinen Klangobjekten gibt. Es ist ein Wort über einen Klang, ein Wort über einen Klang. Ich habe mit Klangobjekten angefangen und bin hier bei einem Gemälde eines Klangs gelandet." (Anastasi) Durch seine raumfüllenden Leinwandformate hebt Anastasi nun den raumgreifenden und überwältigenden "Lärm"- Pegel des "klingenden Wortes" an. Analog zu seinen früheren Stimmübungen inszeniert er das ohrenbetäubende Geräusch - nun mit visuellen Mitteln. Indem er in seiner Werkgruppe "Bababad" sowohl die visuelle als auch die akustische Dimension des Joyceschen Megazeichens einfängt, lässt sich Anastasis künstlerischer Ansatz mit der literarischen Praxis von Joyce vergleichen. Joyce setzt die Funktion der Sprache, die darin besteht, auf eine außersprachliche Wirklichkeit zu verweisen und damit über sich selbst hinauszuweisen, häufig außer Kraft. Stattdessen geht es Joyce darum, die Lesbarkeit durch ungewöhnliche Wortkombinationen und grafische Manipulationen des Schriftbildes zu unterlaufen und Gewohnheiten zu durchbrechen. Vor allem versucht er, die materielle Realität der Sprache selbst in den Vordergrund der Rezeption, der Wahrnehmung überhaupt, zu rücken. Durch die Auslotung zweckungebundener, kreativer Möglichkeiten der sprachlichen Substanz entwirft er eine Sprache die stört, Zeichen, die gleichsam den Sinn als Ziel konventioneller Kommunikation sabotieren. William Anastasi konterkariert in seinem künstlerischen Werk, das sich stark mit Sprache auseinandersetzt, ebenfalls Prozesse der Repräsentation, indem er Arbeiten produziert, die „einfach, so einfach es geht, sogar dumm“, also rein selbstreferentiell sind. Auf der formalen Bildebene erzeugen die unterschiedlichen Gestaltungsvarianten von Anastasis Bildwerken in "Bababad" durch die Kontrastwirkung der Farbtöne dennoch synästhetische Effekte, lautere und leisere Töne. Sie sprechen die sinnliche Wahrnehmung auf sehr konkrete Weise an - jenseits intellektueller Abstraktion. Auf diese Weise konzentriert sich Anastasi in enger Anlehnung an Joyce auf die konkrete materielle Realität des Wortes, der Sprache als Manifestation in Bild und Ton. Bettina Haiss, Köln 2021

Ausstellung: 22.10.2021 – 8.1.2022

Di–Fr von 11–13h und 14–18h / Sa von 11–16h